Das Iphone gab’s schon in der Biedermeierzeit…?!

Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung scheinen nur allzu vertraut. In keiner U-Bahn der Welt würde er noch Aufmerksamkeit erregen. Wäre da nicht die Tatsache, dass der Mann nur spärlich mit einem indianischen Lendenschurz bekleidet ist und in einem Gemälde sitzt, das im Jahr 1937 gemalt wurde. Es entstand also 70 Jahre vor der Erfindung des iPhones.

Es handelt sich um Bild des italienischen Malers Umberto Romano, das heute im historischen Postamt von Springfield in Massachusetts hängt. „Mr. Pynchon and the Settling of Springfield“ orientiert sich sehr lose an tatsächlichen Ereignissen aus der Zeit vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Es zeigt ein Treffen zwischen englischen Siedlern und Mitgliedern zwei der größten Indianerstämme Neuenglands

Ganz offensichtlich kann der Gegenstand, den der sitzende Mann so intensiv anstarrt, also kein iPhone sein. Doch worum handelt es sich dann?

Historiker halten es durchaus für möglich, dass der amerikanische Ureinwohner auf dem Bild tatsächlich eine neue technische Errungenschaft in der Hand hält.

„Als Romano an dem Wandgemälde arbeitete, waren US-Amerikaner geradezu besessen von dem Mythos des ‚edlen Wilden‘“, erklärt New Yorker Autor und Historiker Daniel Crown. Er glaubt, dass Romano in seinem Bild darstellen wollte, wie moderne Technologie in einer neugierigen, aber technologisch völlig primitiven Gesellschaft eingeführt wurde. Den speziellen Gegenstand in der Hand des sitzenden Mannes hält Crown dabei für einen Spiegel. Diese Vermutung passt zum Standpunkt des Mannes, denn er befindet inmitten verschiedener Keramikkrüge und anderer Handelsgüter. Daher ist es naheliegend, dass er keinen einheimischen Gegenstand in der Hand hält, sondern gerade eine Gabe der europäischen Siedler betrachtet. Tatsächlich wurden Spiegel zu dieser Zeit häufig als Geschenke ausgetauscht. Zu dieser Theorie passt auch, dass der Mann den Gegenstand etwa auf Augenhöhe hält.

Ein ganz ähnliches Bild stammt aus der Biedermeierzeit: „Die Erwartete“ des österreichischen Malers Ferdinand Georg Waldmüller. Es entstand zwischen 1850 und 1860 und hängt heute in der Neuen Pinakothek in München. Die junge Frau auf dem Gemälde von 1860 erweckt den Anschein, in ihren Social Media-Feed vertieft zu sein oder im Europa Casino spielen.

Ihre Haltung erinnert sehr an den Anblick, der sich uns heute so oft auf den Gehwegen bietet, wenn wir gerade mal selber von unserem Smartphone aufschauen: Menschen, die geradezu zombieartig umherlaufen und nur noch das Smartphone in ihren Händen wahrnehmen.

Selbstverständlich starrt das Mädchen im Bild nicht auf ein Smartphone, sondern ist wohl eher auf dem Weg zur Kirche. In den Händen hält es ein kleines Gebetbuch. 1850 oder 1860 hätte natürlich jeder Betrachter den Gegenstand, in das das Mädchen so vertieft ist, als Gesangs- oder Gebetbuch erkannt. Doch heutzutage muss jedem die Ähnlichkeit zwischen der Szene und einer modernen Teenagerin auffallen, die in ihr Smartphone vertieft ist.

Unser von moderner Technologie geprägtes Hirn unterzieht Kunstwerke aus vergangenen Epochen automatisch einer neuen Interpretation.

Worum es sich bei dem Gegenstand tatsächlich handelt, werden wir wohl nie mit Sicherheit sagen können. Er könnten Klinge, Bibeltext oder Spiegel sein. Oder doch ein iPhone in der Hand eines Zeitreisenden? Vielleicht ist das Faszinierendste an dem Gemälde, das wir in einem Gegenstand immer genau das sehen, was wir in ihm sehen wollen.

Bildquelle (Die Erwartete, Ferdinand Georg Waldmüller ): Wikimedia Commons

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